Mit dem Pump

Fabian wieder. Der reitet von einer Erfolgswelle auf die nächste. Und das mit einer Leichtigkeit. Als wäre Karriere rein instinktiv. So ein bisschen angeboren ist es ja auch bei ihm. Sein Vater war Abteilungsleiter. Und seine Mama Lehrerin. Da muss man ja was werden. Und erst diese Hütte. Da steckt Geld drinnen. Jetzt auch wegen des Jobs. Aber natürlich viel vom Erbe. Auch da hatte Fabian Glück. Sein Alter ist vor 4 Jahren an nem Herzinfarkt gestorben. Hat zu viel geraucht. Deshalb auch Fabian und der Sport. Schon fast exzessiv. Wie alles mit ihm. Alles bei ihm. Alles an ihm.

„Und du bist echt nicht sauer?“ will er wissen.

Ein bisschen enttäuscht. Aber gegen Fabian hatte ich einfach keine Chance. Da hat niemand ne Chance. Der ist über allem. Da konnte ich mit meiner Bewerbung nur scheitern.

„Nein, war ein fairer Wettkampf und du warst besser.“

„Und das ich jetzt dein Vorgesetzter bin?“

„Damit kann ich umgehen.“

„Dich kriegen wir auch schon in ne Führungsrolle. Glaube nicht, dass du lange bei mir bleibst. Qualität setzt sich durch.“

Und dann ist Fabian auch nach so kack freundlich. So auf dem Boden geblieben und nahbar. Wie so ein Business-Jesus. Den haben die als Kollegen geliebt. Als Chef werden die den vergöttern. Der ist nen Menschenfänger. Wer der böse, wer der nen spitzen Diktator.

„Ich will es hoffen.“

Fabian reicht mir nen großes Glas. Da ist ne dickflüssige Suppe drin. Sieht aus wie Sperma von nem Bullen.

„Eiweiß, Magnesium und Kreatin. 15 Minuten vorm Training und wir werden heute alles killen,“ erklärt Fabian. Was der anfasst, packt der richtig an. Auch beim Sport. Sieht man auch. Ich hab Skinnyfat am Bauch. Der ein Sixpack.

Die Haustür von seinem Palast öffnet sich. Marie mit Marla kommen rein. Marie sieht wieder wie aus dem Ei gepellt aus. Und in so einer Leggings könnte ich über sie herfallen.

„Papa, ich habe ne eins in Rechnen,“ ruft die kleine Marla. Sie rennt auf Fabian zu. Der kriegt noch nen Kuss.

„Guten Tag,“ sagt Marla zu mir. Die reicht mir die Hand. Ich erwidere nur den Gruß. Über so viel Anstand einer 6 jährigen bin ich überrascht. Das machen meine Jungs nicht. Die sind so unerzogen. Die kann man keine 5 Minuten allein lassen. Deshalb ist Carla auch so drauf. Deshalb ist die immer gleich auf 180. Die Jungs machen die fertig. Und das macht mich fertig. Deshalb Überstunden und danach Sport. Dann brauche ich die Hölle zu Hause nicht so lang ertragen.

„Wir werden los,“ sagt Fabian.

„Schade. Wo wollt ihr hin?“ fragt Marla.

„Zum Sport.“

„Sport ist wichtig. Sport macht gesund. So habe ich ganz lange meinen Papa.“

„Genau, und heute lesen wir.“

„Ja, Janosch ist dran. Es duftet so nach Bananen.“

Fabian küsst Marie. Die greift kurz an seinen Bizeps und grinst.

„Ich liebe dich,“ sagt die dann zu ihm.

„Ich dich auch.“

„Und du pass auf meinen Mann auf,“ meint Marie zu mir. Ich nicke.

Fabian fährt. Das ist wie meine Vorstellung von Fliegen in der Zukunft. Guter Fahrer. Starkes Auto. Und schon sind wir im Fitnessstudio. Umgezogen. Ein paar Hände geschüttelt und wir sind an den Geräten.

„10 Minuten warm machen,“ meint Fabian. Der ist schon auf dem Laufband.

„Ich hasse das,“ sage ich und stehe dann auf dem Laufband neben Fabian.

„Hat mein Alter auch immer gesagt.“

10 Minuten Laufband sind für mich der Horror. Das ist fast so schlimm wie ein Wochenende mit Carla und den Jungs. Dann sind wir endlich fertig.

„Ich fühle mich großartig.“

„Dann lass uns gleich an die Bank,“ schlage ich vor.

Wir beobachten kurz nen Koloss, der 135 Kilo wie nichts drückt. Wir sind fasziniert. Ein ähnlicher Klotz unterstützt ihn. Der nimmt ihm die Hantel ab.

Dann sind wir dran.

„Lass das mal drauf,“ fordert Fabian.

Ich lasse die 135 Kilo dran. Dann stelle ich mich hinter die Bank. Der wird meine Hilfe brauchen.

„Mal sehen, was ich packe,“ meint Fabian und dann geht’s los. Die erste Wiederholung schafft der tatsächlich. Bei der Zweiten wackeln schon die Arme wie Pudding. Aber auch geschafft und bei der Dritten wird der ganz rot. Jetzt braucht der mich.

Ich will ihm beim Gewicht helfen. Aber ich kann nicht. Mich hält etwas ab. Und dann sacken Fabians Arme zusammen. So als würden die brechen. Und die Stange knallt auf Fabians Kehlkopf. So schnell. So ungebremst. Und ich stehe da. Ich schaue da nur runter. Und auch kein Wort kommt heraus. Und dann schiebt mich jemand zur Seite. Und andere heben die Stange von Fabian. Und es wird nach einem Arzt gerufen. Und ich stehe da wie angewurzelt. 

Vorwärts

„Wie geht’s dir dabei?“ will mein Chef wissen.

„Ich werde damit fertig,“ meine ich. Und das werde ich auch irgendwie. Und das ist komisch. Fabian und ich waren mehr als nur Kollegen. Wir waren Freunde. Und in den letzten Jahren habe ich sogar mehr Zeit mit Fabian verbracht als mit Carla und den Jungs. Und irgendwie fühle ich bei Fabians Tod nichts. Der ist einfach nur weg. Und die Zeit fülle ich jetzt mit anderen Dingen. Arbeit. Die Jungs. Mal nen Film. Der fehlt mir nicht. Und das fühlt sich nicht falsch an.

„Okay. Ich weiß, wie es mir dabei geht. Ich bin fix und fertig. Und wenn ich dann dran denke, wie dicke ihr beide wart. Du musst am Boden sein.“

„Es geht,“ werfe ich ein. Diese Unterstellungen nerven mich. Gerade, wenn man es nicht ist. Muss man immer trauern?

„Dennoch möchte ich, dass du die Stelle übernimmst. Kriegst du das hin?“

„Natürlich.“

„Aber wenn etwas ist. Wenn du merkst, dass es zu viel ist. Dann rede mit mir. Wir finden dann eine Lösung.“

„Wird nicht passieren.“

„Aber wenn.“

„Dann rede ich mit dir.“

Er klopft mir noch auf die Schulter. Dann schaut er mich so besorgt an. Der wollte nicht mich für die Stelle. Der wollte immer nur Fabian. Das war von Anfang an klar. Und jetzt bin ich der Notnagel. Der schnelle Lückenfüller. Weil er auf die Schnelle nichts Besseres bekommen kann. Das weiß ich.

Dem werde ich es beweisen. Da werde ich Fabian vergessen machen. Da werde ich zeigen, dass ich der Richtige bin für diesen Job.  

Ich fahre nach Hause. Maries Auto steht vor unserer Einfahrt. Ich kann nicht auf meinen Parkplatz. Ich halte hinter Marie.

Dann gehe ich rein. Die Jungs schreien wieder wie am Spieß. Die können nicht leise spielen. Marla sitzt in einer Ecke und blättert Bücher durch. Marie und Carla sitzen am Wohnzimmertisch. Neben Carla sieht Marie noch einmal besser aus. Die hat einfach die perfekte Figur. So nen abgestimmten Look. Und Carla ist so zusammengewürfelt. So von allem etwas. Aber nichts so richtig. Und von allem nicht zu viel, aber dann doch nicht passend. Mich schüttelt es kurz.

„Marie ist hier,“ meint Carla. Als hätte ich es nicht gesehen. Die sagt manchmal so komische Sache. Was so auf der Hand liegt. Was ich selbst erkenne. Ich glaube, Carla ist doof.

„Sehe ich.“

„Marie möchte dir etwas sagen.“

„Ich bin gespannt.“

Irgendwie schlägt mein Herz gerade schneller. Denn ich denke immer noch, dass ich von ihr Vorwürfe bekomme. Sie mich fragt, warum ich die Hantel nicht halten konnte. Warum ich nicht geholfen habe. Ob das Absicht war.

Frage ich mich manchmal selbst. Und ich kriege keine Antwort.

„Fabian und du, ihr wart wie Brüder. Ich möchte, dass du sein Motorrad nimmst. Ich selbst habe da keinen Führerschein für und das wäre in Fabians Sinn.“

Das war ein Hobby, das Fabian und ich nicht teilen konnten. Ich hatte dafür einfach nicht die Kohle. Ich habe zwar meinen Motorradlappen gemacht, aber nie ne eigene Maschine gehabt. Und Fabians Motorrad war so ein ganz spezielles. Und auch entsprechend kostspielig.

„Wow, danke. Ich bin sprachlos,“ meine ich und stehe da so doof rum.

„Dann nimm Marie wenigstens in den Arm.“

Mache ich dann auch. So ganz fest. Und die riecht so gut. Und es kribbelt in mir.

„Wollt ihr nicht zum Essen bleiben?“ frage ich Marie in meiner Euphorie.

„Ich habe doch gar nichts gekocht,“ wirft Carla ein.

„Wir bestellen was, es gibt etwas zu feiern.“

„Oh, was?“ ist Carla neugierig.

„Ich bin jetzt der Boss. Ich kriege die Stelle von Fabian.“

„Was? Mit dem Gehalt?“ fragt Carla.

„Mit allem. Büro, Dienstwagen etc.“

Carla springt auf. Carla drückt mich. Die küsst mich.

„Nein danke, Marla und ich wollen noch zum Friedhof,“ antwortet Marie. Die steht dann auch auf.

Diesmal bewusst

„Das ist unglaublich. Da wird er total enttäuscht sein. Und gerade gegen die,“ wirft mir Carmen entgegen. Ich würde das Telefon jetzt gern gegen die Wand schleudern.

„Der wird noch mehr Fußballspiele haben.“

„Aber das ist ihm so wichtig. Das ist das erste Mal, dass ihm etwas so viel bedeutet.“

Ich werde noch wütender. Ich schreie still. Ich sehe mich im Spiegel des Hotelzimmers. Wie ein Affe.

„Einer muss das Geld verdienen. So lernt der das.“

„Und wer muss es ihm mitteilen?“ fragt Carla.

„Gibt es sonst noch etwas?“

„Nein, viel Spaß,“ meint Carla. Sie legt auf.

„Fick dich,“ brülle ich ganz laut. Dann werde ich rot. Hoffentlich hat mich niemand gehört. Die macht mich fertig. Die Familie macht mich fertig. Das macht mich alles fertig.

Jetzt klingelt mein Diensthandy. Ist mein Chef.

„Sind die Zahlen fertig?“

Es schießt durch meinen Kopf. Diese verfickten Kennzahlen. Die sind mir durchgerutscht. Der haut mir einfach zu viele Aufgaben rein. Einen Bericht da, nen anderen Bericht dort und dann auch noch diese Dienstreise mit diesem Arsch von neuem Kollegen. Dann soll der mir mehr Mitarbeiter geben. Dann kann ich auch liefern. Das hätte auch der tolle Fabian nicht geschafft.

„Ich kann mich leider nicht vierteilen.“

„Marc hat geliefert,“ meint mein Chef. Marc ist mein neuer Kollege. Ein Arsch. Der schleimt sich ein beim Chef. Bei meinen Mitarbeitern. Der soll hier nicht den Macker machen. Der soll mich nur etwas unterstützen, um das Unternehmen kennenzulernen. Aber ich kenne solche Fucker. Der will meinen Job. Der will hier die Leitung übernehmen.

„Warum? Das ist doch gar nicht seine Aufgabe?“ werfe ich ein.

„Ich brauchte die Zahlen und der hat auf meine Mail geantwortet. Du nicht.“

Ich habe mit Carla telefoniert. Mich mit der einmal mehr in den Haaren gehabt. Marc hat keine Familie. Der hat keinen Stein am Bein. Deshalb kann der so viel machen. Zeit ist unsere wichtigste Ressource. Und die wird von Carla und den Jungs gefressen.

„Dann hat sich das ja schon erledigt.“

„Bist du überfordert?“

„Ich? Nein.“

„Wenn du überfordert bist, finden wir eine Lösung. Du musst nur mit mir sprechen,“ meint mein Chef.

Ich weiß, was der will. Der will, dass ich mir meine eigene Unfähigkeit eingestehe. Damit er sagen kann, okay, ich helfe dir. Aber so wird der mich nicht los. Dann muss der sich schon selbst die Hände schmutzig machen und mich selbst degradieren. Der hat nur keinen Bock auf den ganzen Papier-Kramm. Auf die unangenehmen Gespräche mit dem Betriebsrat. Ne, den Gefallen gibt’s nicht.

„Bei mir ist alles gut. Ich bin belastbar. Bei anderen bin ich mir da nicht so sicher.“

„Bei anderen?“ wird er neugierig.

„Ja, gerade vorm Kunden merkt man da die Anspannung. Da werde Sachen versprochen. Aber ich kriege das hin. Die vertrauen mir,“ lüge ich über Marc ohne seinen Namen zu nennen.

„Okay, wir dürfen das Vertrauen vom Kunden nicht verlieren. Deshalb seid ihr da.“

„Kannst dich auf mich verlassen.“

Er schnauft noch in den Hörer. Dann legt er auf.

Es klopft an meiner Tür. Marc. Wir sind zum Joggen verabredet.

„Bin gleich fertig,“ rufe ich. Ich ziehe mich schnell um. Dann öffne ich in Laufklamotten die Tür. War seine Idee. Er wollte so die Stadt erkunden.

„Hast du deine Karte?“ erinnert er mich. Die habe ich natürlich nicht. Schnell zwei Schritte zurück ins Zimmer. Dann das Plastik in die Hosentasche gesteckt.

„Ich habe dem Chef die Zahlen geschickt,“ meint der selbstgerecht als wir die Treppe heruntergehen. Penner. Ich kommentiere das nicht. Ich sollte den die Stufen herunterschubsen. Warum passiert dem kein Unfall? Mit Fabian hat es den Falschen getroffen.

Wir sind vorm Hotel. Wir laufen los.

„Die Brücken sollen schön sein. Besonders die abgelegenen,“ meint Marc. Der läuft schnell. Der läuft viel. Ich schnaufe jetzt schon. Das soll der nicht merken.

Wir laufen an nem Fluss. Ist ein schöner Weg. Der führt heraus aus der Stadt. Die Menschen werden weniger.

„Echt schön,“ staunt Marc.

Der kotzt mich an. Ich will den würgen. Ich will dem wehtun. Ich hasse den.

Dann laufen wir über eine Brücke. Das geht richtig steil hoch, damit die ganz großen Boote unten durch passen. Marc bleibt in der Mitte der Brücke stehen.

„Da will ich nicht runterfallen,“ meint der. Und es schießt durch meinen Kopf. Ich muss das jetzt selbst in die Hand nehmen. Will ich das? Bleibt mir etwas anderes übrig? Kann ich das?

„Lass uns mal weiter,“ fordere ich.

„Da will es einer wissen.“

„Ja.“

Wir sind am Ende der Brücke. Da, wo sie über das Stück Fußweg ragt. Nicht so hoch wie in der Mitte. Dafür aber mit nem harten Grund.

Ich stoße mich gegen Marc. Der verliert das Gleichgewicht. Der stolpert gegen das Geländer. Ich stoße noch einmal. Dann ist er drüber.