Beim Konzert

Lou ist schon voll. Der redet wieder nur von Politik. Und alles so durcheinander. Mir dreht sich auch schon die Birne. Aber ich habe mich noch im Griff. Einer muss ja. Bin meistens ich.

Und die Schlange ist lang. Alle in Bandshirts. Alle angetrunken. Alle mit nem Bier in der Hand. Männer und Frauen. Gute Laune. Keine Feindschaft.

Wir trinken noch aus. So einer mit nem Einkaufswagen schnappt sich unser Leergut. Dann in die Schlange. Nebenbei werden Ärsche abgecheckt.

„Diese Tätowierten. Das macht mich so an,“ meint Lou. Er deutet auf eine vor uns.

„Die hat nen Macker.“

„Egal.“

Die Security durchsucht uns. Ist nichts. Tickets gezeigt. Und drinnen. Da spielt schon die Vorband. Die haben auch ein paar Fans. Bestimmt an die 300. Die kennen deren Text. Die grölen mit. Und da fließt auch schon Bier.

„Ich will noch zum Merch.“

„Ist doch zu teuer.“

„Mal schauen.“

Und wir stehen da, wo ganz viele sich einkleiden. Lou und ich haben schon ausreichend Shirts. Er trägt heute das mit dem Säbelzahntiger. Ich mit dem Stacheldraht.

„Wird auch immer teurer.“

„Sag ich ja.“

Wir stehe für Bier an. 5,50 Euro für nen halben Liter Gilde.

„Das schmeckt wieder wie Kotze,“ motzt Lou.

„Ist besser als kein Bier.“

„Stimmt auch wieder.“

Wir schnappen uns nen guten Platz. Schon ziemlich mittig und ganz gut vorn. Da wird es gleich ab gehen. Darauf haben wir Lust. So springen und so schubsen. Mal alles rauslassen. Und sich natürlich schubsen lassen. Schwitzende Körper. Pure Energie. Dazu Gitarren. Drums. Und die einpeitschenden Worte vom Frontman.

Die Vorband ist fertig. Die kriegen Beifall. Die waren nicht schlecht. Aber auch irgendwie ein Abklatsch vom Mainact. Hat jemand Erfolg ziehen so viele mit, die ihnen gleichen. Ich kann nicht einordnen, ob die vorher, zeitgleich oder erst danach so klangen. Nur, dass sie nicht ganz so richtig klingen wie die Band.

Die machen ja auch unvergleichliche Mucke. So richtig auf die Fresse. Und das kriegen wir heute. So richtig aufs Maul.

Der Saal ist voll. Fast 2000 Menschen. Kein Stadion. Das ist keine Mucke für jeden. Das ist nur was für so Menschen wie mich. Wie Lou. Für die, die Wut haben. Die mal die Sau rauslassen wollen. Hier wird keiner sitzen. Hier drehen die gleich alle durch.

Lou holt uns noch ein Bier. Dann kommt die Band auf die Bühne. Alle rasten aus. Und das erste Riff. Das geht ins Ohr. Das geht in den Bauch. Und dann die Worte. Und alle singen mit.

Und schon der zweite Song. So richtig mies auf die Fresse. Laut und schnell und voller Energie. In der Mitte springen die schon gegeneinander. Die schubsen sich. Da will ich auch hin. Bin ich dann mit Lou. Obwohl, wo ist Lou? Der liegt schon auf dem Boden. Ausgerutscht in der Bierlache. Jemand hilft ihm hoch. Die umarmen sich. Dann wird weiter geschubst und gesprungen. Ich drücke so nen Fettsack weg. Mich schiebt tatsächlich nen Mädel an. Und wir hüpfen gegeneinander. Hart. Aber mit Rücksicht.

Der Kater danach

Blaue Flecke. So ganz viele. Und welche sind schon grün. Und die an der ganzen Seite. Waren diese fetten Glatzköpfe. Die waren einfach zu schwer für meinen mageren Körper. Aber die haben sicher auch die ein oder andere Blessur von meinen spitzen Ellbogen. Die werden sich erinnern. Und wir werden uns wiedersehen. Wie auf jeder Tour. Und die werden noch dicker und ich noch dünner. Wir sollten alle was tun.

Ich schiebe mir ne Pizza rein. Dann sehe ich Lou auf meinem Sofa.

„Bist gar nicht nach Hause?“

„Bin gar nicht nach Hause.“

Der schaut sich um. Der registriert jetzt, dass wir in meiner Bude sind.

„Ich mach dir auch mal was.“

Lou sieht auch aus wie so ein Magersüchtiger.

„Und Bier. Haste was da?“

„Scheißt der Papst in den Wald?“

Pizza in den Ofen und Bierdosen auf. Gutes 5,0. Schwarze Dose. Fairer Preis. Darauf stehen wir.

„Ist das Beste.“

„Und morgen wieder ackern,“

„Ist erst morgen. Heute ist heute. Und morgen ist scheiße.“

Lou haut auch immer Weisheiten raus. Der wird mit dem Alter immer schlauer. Die sollte ich mal notieren. Falls der abnippelt. Dann hab ich was für seine Beerdigung.

Lou dreht die Mucke auf. Die von gestern. Und wir springen wie mit Zwanzig auf dem Sofa.

Es klingelt an der Tür. Wir scheißen drauf. Es hämmert.

„Willst nicht aufmachen?“

„Bestimmt die Nachbarn. Die hassen Rock am Mittwoch.“

„Herr Schonke, öffnen Sie. Wir wissen, dass Sie da sind.“

Ich gehe zum Spion.

„Scheiße,“ fluche ich sehr laut.

„Wir hören Sie,“ meint die Stimme da draußen.

„Scheiße was?“ will Lou wissen. Der ist jetzt auch bei der Tür.

„Das sind die vom Zoll.“
„Vom Zoll?“

„Scheiße ja.“

Ich mache auf.

„Schonke?“

Ich nicke dem Typen zu. Der sieht aus wie von der Gestapo. Der hält mir nen Zettel unter die Nase. Irgendetwas mit Vollstreckungsbescheid.

„Sie wissen, warum wir hier sind?“

Ich nicke wieder.

„Sie haben nicht auf unsere Briefe geantwortet. Deshalb sind wir hier.“

Ich fühle mich nackt. Ich will versinken. So ganz tief und weit weg.

Lou schaut mich an. Der versteht nur Bahnhof.

„Ist das alles richtig?“ meint Lou zu mir.

Vorm Konzert

Fernseher und meine Plattensammlung waren der Anfang. Die haben mir mein Konto gepfändet. Und das hört nicht auf. Erst war es die Krankenkasse. Dann die Bank vom Fahrradgeschäft. Mein Mobilfunkanbieter und so weiter. In ne andere Wohnung kann ich nicht. Mich nimmt niemand. Also penne ich mal dort und mal da. Am meisten bei Lou oder jetzt im Sommer so draußen.

Ich würde ja wieder arbeiten gehen, aber ohne Wohnsitz ist das scheiße…

Und dieses kein Geld haben. Ich würde so gern mal wieder das Tier rauslassen. Aber scheiße.

„Was glotzt denn so? Opfer!“ rufen mir zwei Jugendliche entgegen. Ich glotze jetzt oft einfach so in die Welt. So ins Leere. Und manchmal verschieben sich dann Menschen dahin, wohin ich glotze. Führt immer zu Missverständnissen.

Ich drehe mich einfach um. Ich gehe.

„Halt du Affe!“ rufen die. Die rennen.

Dann stehen die vor mir.

„Was haste uns angeglotzt?“ fragt einer noch einmal.

Ich antworte nicht.

„Willst du uns ficken? Bist du so ein Perverser?“ meint der andere.

Ich versuche ruhig zu atmen. Die sind stärker als ich. Ich lebe nur noch von Alkohol und Toastbrot. Ich bin noch dürrer.

„Der will uns ficken. Perverse wollen wir hier nicht,“ brüllt der Andere. Der tritt dann zu. Wie in so einem Kung Fu Film. Ich halte mir die Seite. Da, wo die Milz ist.

„Ein Schwächling,“ lachen die.

Die treten weiter. Ich sinke auf den Boden. Ich halte mir die Hände an den Kopf. Ich versuche gleichmäßig zu atmen. Und ich kämpfe gegen die Tränen.

Die haben ihre Wut rausgelassen. Die sind abreagiert. Die Spucken noch einmal auf mich. Jetzt lassen die ab. Die lachen. Die lassen mich allein.

Ich liege noch auf dem Boden. Dann nehme ich die Hände von meinem Gesicht. Alles schmerzt. Menschen gehen an mir vorbei. Ich liege direkt auf nem Fußweg. Ich raffe mich auf. Das Konzert geht bald los. Ich wische mir die Rotze ab. Dann kann ich wieder gehen. Waren zum Glück Jugendliche. Die sind noch nicht trainiert. Nur Arschlöcher.

„Haste mal nen Euro?“ frage ich einen vorm Lidl. Hat der. Der lässt die Münze in meine Hand fallen. Mich bloß nicht berühren.

Ich stecke den Euro in den Einkaufwagen. Damit rolle ich zum Konzert. Die Schmerzen werden erträglicher.

Die ersten schmeißen ihre leeren Bierflaschen hinein.

„Danke,“ sage ich.

Es wird nichts erwidert. Die wollen Spaß haben. Da passt so einer wie ich nicht rein.